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Amazon: Miserables Arbeitsklima, beliebt bei MBAs

Von am 24. August 2015
Amazon Lagerhalle

Unmenschliche Arbeitszeiten, gezielte Schikane und Rausschmiss bei Krankheit – ein Artikel der New York Times über die Arbeitsbedingungen bei Amazon sorgt seit Tagen für Wirbel. Dabei gehört Amazon in den USA nicht nur zu den größten Rekrutierern an den führenden Business Schools, sondern auch zu den beliebtesten Arbeitgebern für MBAs.

Wer den Artikel der New York Times vom 15.August liest, dürfte erst einmal geschockt sein. Denn die dort geschilderten Zustände klingen schlichtweg menschenverachtend. Während Konzerne wie Google und Facebook ihre Mitarbeiter mit allerlei Wohltaten wie kostenlosen Massagen und Bügelservice pampern, gilt bei Amazon offenbar knallharter Darwinismus. Nur die Härtesten können sich auf ihrem Job halten, oftmals auf Kosten ihrer Gesundheit und Familie.

Mehr als hundert Mitarbeiter und ehemalige Mitarbeiter hat die New York Times nach eigenen Angaben für ihren sehr ausführlichen Artikel befragt. Berichtet wird unter anderem von einer Mitarbeiterin, die einen Tag nach einer Fehlgeburt auf Dienstreise geschickt wurde. Mitarbeiter mit Krebserkrankungen sollen rausgeschmissen worden sein, weil sie nicht mehr voll leistungsfähig sind. Und schon seit langem ist bekannt, dass sich Amazon früher statt Klimaanlagen in den überhitzten Versandzentren lieber Rettungswagen leistete, die die kollabierten Arbeiter abtransportierten. Das war billiger.

Gleichzeitig gehört Amazon zu den größten Rekrutierern an führenden Business Schools. Der Online-Versandhändler stelle mehrere Hundert MBAs im Jahr ein und hole sich mehr als 200 MBA-Studenten als Praktikanten, schreibt das MBA-Portal Poets&Quants.

Allein im letzten Jahr landeten 27 MBA-Absolventen der Ross School of Business an der University of Michigan bei dem Online-Händler, der damit zum größten Rekrutierer der Schule avancierte. An der Kellogg School of Management waren es zwölf, an der Fuqua School of Business zehn und an der Chicago Booth School of Management neun MBA-Absolventen. Auch 39 MBAs von INSEAD landeten bei Amazon, das damit der größte Rekrutierer nach den Beratungen war. An der London Business School waren es 18.

Doch Amazon ist nicht nur das Unternehmen, das nach den großen Beratungen die meisten MBAs einstellt, es ist offenbar auch noch ein beliebter Arbeitgeber. Bei der diesjährigen Umfrage des Beratungsunternehmens Universum zu den beliebtesten Arbeitgebern in den USA landete Amazon bei Wirtschaftsstudenten auf Platz 5 hinter Google, Apple, McKinsey und Disney.

In Deutschland, wo das Unternehmen vor allem wegen seines Umgangs mit Leiharbeitern schon länger in der Kritik steht, kam Amazon immerhin noch auf Platz 35 (Vorjahr Platz 27). Laut einem Bericht der Süddeutschen Zeitung bestätigten auch ehemalige Mitarbeiter in Deutschland ähnliche Schikanen, auch wenn manche Exzesse wie in den USA aufgrund der gesetzlichen Vorschriften nicht möglich sind. So sei es üblich gewesen, dass Chefs ihre Untergebenen anschrien. „Zum Weinen gehe man auf Toilette, an Geschluchze aus der Nachbarkabine gewöhne man sich schnell“, zitiert die Zeitung eine Ex-Mitarbeiterin. Auch habe es eine Art Wettbewerb gegeben, wer abends als letzter nach Hause geht und auf Rundmails am Wochenende am schnellsten antwortet.

Dass Amazon in den USA dennoch so beliebt ist, liege laut Poets&Quants wohl auch daran, dass das Unternehmen MBAs häufig die Möglichkeit gibt, große Projekte und viel Verantwortung zu übernehmen und somit zum Erfolg des Unternehmens beizutragen. Wer einen Job ergattert hat, sieht sich als Elite und kämpft daher hart dafür, die wohl teils absurd hohen Erwartungen zu erfüllen.

Wer sich für Amazon entschieden habe und dann mit dem völlig inakzeptablen Umfeld konfrontiert werden, der habe zwei Möglichkeiten, schreibt der renommierte Leadership-Professor Jeffrey Pfeffer von der Stanford Graduate School of Business: Entweder er ändert seine Einstellung und bewertet die Arbeitsbedingungen als gar nicht so schlimm oder sogar als bewundernswert oder er gibt zu, mit dem Job bei Amazon einen Fehler gemacht zu haben. Experimente zur kognitiven Dissonanz zeigten eine deutliche Präferenz zur ersten Variante. Das Problem liege dabei nicht beim CEO, der für seinen Erfolg bewundert wird, schreibt der Professor, sondern bei einer Gesellschaft, in der Geld wichtiger ist als menschliches Wohlbefinden und in der Menschen für Status und Erfolg jeden Preis zahlen – manchmal sogar mit ihrem eigenen Leben.

Das zeigt auch ein Kommentar zu dem Artikel der New York Times. Darin heißt es. „Arbeit ist kein Kindergarten für Erwachsene. Dieses Land wurde nicht mit 40-Stunden-Wochen-Jobs aufgebaut, in dem das Büro ein Sozialverein ist. Amerika braucht mehr Firmen wie Amazon, die mehr von ihren Mitarbeitern fordern und sie entsprechend belohnen.“ Dafür gab es 650 Likes.

Amazon-Chef Jeff Bezos soll die Vorwürfe der New York Times in einer Email an seine Mitarbeiter zurückgewiesen haben. Der Artikel beschreibe nicht das Amazon, das er kenne. Er sei überzeugt, dass jeder, der bei einem Unternehmen arbeite, wie es die New York Times beschrieben habe, verrückt wäre, wenn er dort bleibt.

 

 

 

Über Bärbel Schwertfeger

Bärbel Schwertfeger ist Diplom-Psychologin und seit 1985 als freie Journalistin im Bereich Management, Weiterbildung und Personalentwicklung tätig.

Ein Kommentar

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