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Ungewöhnliche Karrieren: Die Falkenärztin

Von am 5. Juli 2010

Im Abu Dhabi leitet Margit Gabriele Müller das weltweit wichtigste Zentrum für die Behandlung von Greifvögeln. Dabei hilft ihr ein MBA.

Vorsichtig tupft Margit Gabriele Müller die Fußsohlen des betäubten Falken ab, trägt eine lindernde Salbe auf und verbindet die Füße des Greifvogels wieder. »Wenn Falken zu wenig Bewegung haben, schwellen die Füßchen an und entzünden sich«, erklärt die Direktorin des Falkenhospitals in Abu Dhabi.


Vor neun Jahren bekam sie überraschend das Angebot, die Falkenklinik in Abu Dhabi zu leiten. Inzwischen hat die 41-Jährige die Klinik zum weltweit führenden Zentrum für Falkenmedizin ausgebaut. Daneben betreibt sie auf dem Klinikgelände eine Pension für die Greifvögel, wo sie untergebracht werden, wenn die Besitzer sich auf Reisen befinden, und ein Konferenzzentrum. Die Management-Kenntnisse dafür hat sie in einem MBA-Studium erworben.

Müller war schon bei einem Praktikum während ihres Tierarztstudiums in Dubai auf die häufigen Fußprobleme der Raubvögel aufmerksam geworden und hatte schließlich an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität über Sohlenballengeschwüre bei Jagdfalken in den Vereinigten Arabischen Emiraten promoviert.

Der Anfang in Abu Dhabi sei trotzdem hart gewesen, erinnert sich Müller. Denn es dauerte lange, bis die Emiratis der deutschen Tierärztin vertrauten. Statt ihres Lieblingsfalken brachten sie ihr manchmal nur eine Kotprobe von dem kranken Tier. »Inzwischen wissen sie, dass ich gut bin und wir hier alles nur Mögliche für ihre Lieblinge tun.«

Rund 5000 Falken behandelt sie im Jahr, und inoffiziell ist sie stets 24 Stunden im Einsatz. Neulich ist sie wieder in der Nacht aus dem Bett geklingelt worden, weil ein Falke in Saudi-Arabien um Mitternacht von einem anderen Falken schwer verletzt worden war. Der Besitzer setzte sich sofort ins Auto und fuhr die Strecke von mehreren Hundert Kilometern über die Grenze bis nach Abu Dhabi. »Um fünf Uhr morgens haben wir das Tier dann operiert«, erzählt Müller.

Falken haben auf der Arabischen Halbinsel einen besonderen Status. Früher halfen die Raubvögel dank ihrer Jagdkünste den Beduinen beim Überleben in der Wüste und lebten dabei inmitten der Familie. Daran hat sich nicht viel geändert, auch wenn der Falke heute im Wohnzimmer hockt und mit Wachteln gefüttert wird.

»Die haben noch immer einenStellenwert wie ein Kind«, erzählt Müller. Und so wie eine Mutter mit ihrem kranken Kind zum Arzt geht, bringt der Falkenbesitzer seinen gefiederten Gefährten zur Klink. »Manche fragen dann täglich nach dem Befinden und besuchen ihn«, erzählt die Klinik-Direktorin.

Inzwischen gilt die Klinik nicht nur als weltweit führend in der Falkenmedizin, sondern es ist auch eine der beliebtesten Touristenattraktionen in dem größten und reichsten der Emirate. Auf zweistündigen Touren lernen die Besucher die Tradition der Falknerei kennen, besuchen das Museum und können sich mit einem Falken auf dem Arm fotografieren lassen.

Als einer ihrer Kunden fragte, ob er seinen Falken nicht bei ihr unterbringen könne, wenn er nach Europa reise, zögerte Margit Gabriele Müller nicht lange. Sie nahm den Vogel auf, entdeckte eine Marktlücke und eröffnete eine Kleintierpension, in der mittlerweile neben Hunden und Katzen auch Schildkröten und Hasen verpflegt werden. Vor Kurzem kam ein Konferenzzentrum mit einem zweiten Museum auf dem Klinikgelände dazu.

An unternehmerischen Ideen mangelte es der agilen Ärztin noch nie. Nur die betriebswirtschaftlichen Kenntnisse fehlten ihr. »Ich habe zwar instinktiv oft die richtigen Entscheidungen getroffen, aber mein Wissen reichte einfach nicht aus, um das immer größer werdende Falkenhospital mit fundiertem wirtschaftlichen Hintergrundwissen leiten zu können«, erzählt sie.

Daher beschloss sie im Sommersemester 2006, neben dem Job ein MBA-Studium zu absolvieren, und entschied sich für die Business School der schottischen University of Strathclyde, die in Abu Dhabi eines ihrer internationalen Zentren betreibt. »Als ich mich bewarb, haben die erst mal gedacht, ich hätte mich geirrt«, erzählt Müller. Dass sich eine Tierärztin für Wirtschaft interessiere, sei eben sehr ungewöhnlich gewesen.

Doch trotz ihres arbeitsintensiven Jobs in der Klinik und des MBA-Studiums am Abend und am Wochenende dauerte ihr die Ausbildung einfach zu lange. »Ich bin niemand, der seine Zeit unnütz verbringt, wenn es auch anders geht«, erzählt die Ärztin. Sie stellte einen offiziellen Antrag, das restliche Studium auf einmal durchzuziehen. Die Schule stimmte aufgrund ihrer guten Leistungen zu. »Die haben nicht geglaubt, dass ich das Pensum schaffe.« Doch sie habe sich täglich einen Plan gemacht, in dem sie minutiös aufschrieb, was sie an welchem Tag lernen muss, und sich dann exakt an diesen Plan gehalten. Nach 14 Monaten hatte sie den MBA-Abschluss in der Tasche.

»Das Studium hat mir viel gebracht«, resümiert sie heute. Ob bei der Finanzplanung, im Marketing oder der besseren Abschätzung einer neuen Dienstleistung, heute könne sie auf ihre Wirtschaftskenntnisse zurückgreifen. »Es war für mich eine ganz neue Erfahrung, die Businesssprache zu verstehen und qualifiziert mitreden zu können.« Müller hält es für ein großes Manko, dass der wirtschaftliche Aspekt bei der Ärzteausbildung bisher außer Acht gelassen wird. »Auch wer nur eine kleine Tierarztpraxis führt, hat ein Geschäft, und wenn es nicht läuft, ist er irgendwann pleite.«

Über Bärbel Schwertfeger

Bärbel Schwertfeger ist Diplom-Psychologin und seit 1985 als freie Journalistin im Bereich Management, Weiterbildung und Personalentwicklung tätig.

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