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Harvard: Reale Erfahrungen statt Fallstudien

By on 14. Dezember 2011

Bisher hat die Harvard Business School vor allem auf die von ihr bereits 1924 eingeführte Lehrmethode der Fallstudie gesetzt. Noch heute müssen MBA-Studenten im Laufe ihres zweijährigen Studiums mehr als 500 Fallstudien lösen. Das soll sich nun ändern. Künftig sollen sie reale Erfahrungen sammeln.

Während viele Business Schools ihre Studenten schon längst zu Projekten in andere Ländern schicken, sie Start-ups beraten oder Businesspläne schreiben lassen, blieb Harvard bisher eisern bei seiner Fallstudie. Darin wird ein reales Szenario aus einem Unternehmen beschrieben, anhand dessen die Studenten entscheiden sollen, welche Managemententscheidungen sie getroffen hätten.

Doch die Entscheidung allein aufgrund der Papierlage und ohne Kontakte mit den Beteiligten gilt als problematisch, da viele Aspekte notgedrungen unberücksichtigt bleiben. Und ob die gewählte Entscheidung auch in der Realität die richtige gewesen wäre, erfahren die Studenten naturgemäß nicht. Ganz zu schweigen von der fehlenden Auseinandersetzung mit realen Menschen und ihren Befürchtungen und Ängsten.

FIELD (Field Immersion Experiences for Leadership Development) soll das nun ändern, schreibt der Economist. Als Versuchskaninchen fungieren die 900 MBA-Studenten, die in diesem Sommer ihr Studium in Harvard begonnen haben. Die Idee kommt von Nitin Nohria, der im Juli 2010 als neuer Dean in Harvard antrat. Und wenn der Versuch erfolgreich ist, soll die FIELD-Methode bald gleichwertig zu den Fallstudien eingesetzt werden. Bisher war die Anwendung des erworbenen Managementwissens auf das Praktikum zwischen den beiden Studienjahren beschränkt.

Im ersten Studienjahr gibt es nun drei neue Elemente. Erstens: Übungen zur Teambildung (Vorbild sind Übungen aus der US Armee). Zweitens: einwöchige Arbeitseinsätze bei einem von 140 Unternehmen in elf Ländern. Drittens: Start eines kleinen Unternehmens in acht Wochen mit einem Startkapital von 3000 Dollar. Was im zweiten Studienjahr angeboten wird, ist noch offen.

Dabei ist die Skepsis groß, ob ein einwöchiger Arbeitseinsatz überhaupt etwas bringt. Und ob der Start eines kleinen Unternehmens mehr bringt als einer der üblichen Businessplan-Wettbewerbe. Nun will man ein paar Jahre experimentieren, ob der neue Ansatz etwas taugt. Erst dann wird entschieden, ob Harvard-Studenten ihre Managementfähigkeiten künftig durch Learning by Doing erwerben oder ob sie weiter Fallstudien lösen.

www.hbs.edu

 

Über Bärbel Schwertfeger

Bärbel Schwertfeger ist Diplom-Psychologin und seit 1985 als freie Journalistin im Bereich Management, Weiterbildung und Personalentwicklung tätig.

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